Umsonst ist nicht genug

Auch wir haben das schon das ein oder andere Mal erlebt.

Auszug aus der Cannstatter Zeitung vom 19./20. Januar 2013:
Umsonst ist nicht genug
Sigfried Baumann über einen unerfreulichen Trend unserer Zeit.
Wir haben dieser Tage kurz vor dem Beginn der Touristik-Messe CMT im Rahmen einer Leseraktion 15 x 2 Eintrittskarten verlost. Wir machen solche Verlosungen häufig, gerade auch für Veranstaltungen in der Porsche-Arena oder in der Schleyerhalle. Wir tun dies im Interesse einer intakten Leser-Blatt-Bindung und weil wir hoffen, Lesern damit eine Freude zu machen. Jetzt ließen uns Gewinner der CMT-Karten wissen, dass sie enttäuscht darüber seien, dass beim Gewinn der Karten die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinauf zum Messegelände am Flughafen nicht inkludiert sei. Ein kleines Beispiel für die Anspruchshaltung, die in unserer Gesellschaft immer mehr um sich greift. Umsonst ist nicht genug. Also stellen wir uns darauf ein, dass wir bei der nächsten Verlosung einer Flugreise das Flugzeug gleich mit zu liefern haben. Und falls es wieder einmal als Werbegeschenk ein Fläschchen Wein geben sollte, warum ist dann bitte nicht ein ganzer Weinberg dabei? Woher kommt die Unzufriedenheit mit dem, was man (gewonnen) hat?  Was macht viele so raffgierig? Vielleicht die unbegründete Angst, einfach zu kurz zu kommen. Fürs Volksfest haben wir Bier- und Göckelesmarken verlost. Pro Gewinner jeweils eine Marke. Das war einem zu wenig: Er brauche zehn, ließ er uns wissen. Zu unserem Glück wollte er nicht gleich das ganze Bierzelt haben. Wir machen bei unserem täglichen Geschäft häufig die Erfahrung, dass es nur noch ums Wollen geht. Die Formulierung “Ich will” ersetzt die höflich vorgetragene Bitte. Und wenn “Ich will” und nicht bekomme, dann folgt die Androhung von Strafmaßnahmen gegen uns: Dann bestellen wir die Zeitung ab, dann stoppen wir die Anzeigenschaltungen, dann buchen wir keine Reise mehr bei Ihnen. Wir geben es zu: Wir sind in einer gewissen Abhängigkeit, aber erpressbar sind wir nicht. Schade nur, dass vernünftige Kommunikation und Argumentation häufig nicht fruchtet. Das gute Gespräch ist immer noch ein probates Mittel zur Konfliktlösung. Es gibt sie aber Gott sei Dank auch noch, jene Zeitgenossen, die kein ausgeprägtes Anspruchsdenken haben, denen auch mal das Wort “Danke” über die Lippen kommt. So wie zuletzt auf unserer Silvester-Leserreise nach Hamburg, als wir kurzfristig einen Wunsch erfüllen konnten. “Vielen herzlichen Dank. Wir wissen, dass dies nicht selbstverständlich ist, Sie haben uns eine große Freude gemacht.” Da kommt Freude auf. Bei allen Beteiligten. Ein schönes Gefühl. Man würde es gern öfter erfahren.